Familienklasse  -  Alle in einem Boot!

 

Alle rudern für sich allein

 

Die Zahl der Schüler*innen mit auffälligem Verhalten steigt und sie stellen für Lehrkräfte meistens die größte Herausforderung dar.

Die Ursachensuche von Eltern und Lehrkräften führt häufig zu unproduktiven Schuldzuweisungen. Um diese, zum Teil festgefahrenen Situationen zu überwinden, braucht es elterliche Präsenz in schulischen Kontexten. Familienklasse als eine Form der Multifamilienarbeit in Schulen ermöglicht diese Präsenz.

 

Multifamilientherapie – was ist das?

 

Die Quellen der Multifamilientherapie, vor fast 40 Jahren in England entwickelt, liegen weitgehend in der Antipsychiatrie, der psychodynamischen Gruppen- und in der systemischen Einzelfamilientherapie (vgl. Asen, 2017, S. 19).

Ein wesentlicher Kern ist die simultane Arbeit mit mehreren Familien im Gruppenkontext, mitgemeinsamen Anliegen.

Familienklasse ist ein Modell der Multifamilientherapie im Kontext Schule.

 

Was ermöglicht Multifamilientherapie:

  • Fördert Solidarität

  • Überwindet Isolation und Stigmatisierung

  • Öffnet neue Sichtweisen und Perspektiven

  • Unterstützt „Modell-Lernen“

  • Ermutigt durch gegenseitige Unterstützung und Rückmeldung

  • Stärkt die eigenen Kompetenzen (von „hilflos“ zu „hilfreich“)

  • Nutzt das  Expert*innenwissen der Familien

  • Weckt Hoffnung

  • Bietet „Schonraum“ zum Üben von neuen Verhaltens- und Erziehungsmustern

  • Stärkt Selbstreflexion

 

Multifamilientherapie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland sehr verbreitet. Sie

findet Anwendung in der Kinder- und Jugendlichen Psychiatrie und Therapie, in der Jugend-

hilfe und in Schule. In den letztgenannten Bereichen spricht man von Multifamilienarbeit,

im Kontext Schule z.B. von Familienklasse.

In Bremen wird seit 2015 Familienklasse an Grundschulen als schulergänzende Maßnahme des ReBUZ Süd durchgeführt.

 
Gemeinsam rudern in einem Boot

 

Wenn es im schulischen Kontext gelingt, die Eltern der Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf mit ins Boot zu holen, also als Schule und Familie an einem Strang zu ziehen, dann erhöhen sich die Chancen für Kinder ihr Verhalten zu verändern.

Familienklasse versteht sich als „Brücke“, um Familien ins „Schulboot“ zu holen.

Der Schlüssel, um Eltern zur Teilnahme zu bewegen ist meist der Satz: „Helfen Sie uns,
ihrem Kind zu helfen“.

Bewährt hat sich "im Kontakt mit Eltern, davon auszugehen, dass alle Eltern

1. stolz auf ihre Kinder sein wollen,

2. einen guten Einfluss auf ihr Kind haben wollen,

3. positive Dinge über ihr Kind hören wollen und wissen möchten, was ihr Kind gut kann

4. ihrem Kind eine gute Ausbildung und Erfolgschancen geben wollen,

5. sehen wollen, dass die Zukunft ihres Kindes gleich gut oder besser ist, als die ihrige war,

6. eine gute Beziehung zu ihrem Kind haben wollen"(Steiner; Berg, 2006, zit. n. Behme-Matthiessen et al., 2012, S.42).

 

Familienklasse konkret

In der Familienklasse verbringen einmal die Woche acht bis zehn Familien gemeinsam mit dem Familienklassenteam vier Unterrichtsstunden. Das Familienklassenteam besteht aus dem Familiencoach mit einer Ausbildung in Multifamilientherapie und einer Lehrkraft der Schule, die dafür mit sechs Unterrichtsstunden eingesetzt wird. Kinder der Klassen eins bis vier werden von einem erziehungsrelevanten Erwachsenen begleitet, diese können sich innerfamiliär abwechseln.

Nach einem ersten Informationsgespräch mit den Eltern, zu dem die Klassenleitung einlädt, wird ein Vertrag über eine 12malige Teilnahme geschlossen, versäumte Termine können angehängt werden. Dies und die Möglichkeit, sich in der Begleitung des Kindes ab zu wechseln, garantiert die Niedrigschwelligkeit des Projekts. Beeindruckend ist, wie viele innerfamiliäreRessourcen aktiviert werden, bis hin zu arbeitszeitlichen Arrangements, damit die Teilnahmegesichert werden kann.

Schon dieses familiäre Engagement wird in der Schule respektiert und verändert häufig den Blick auf die Familie. Diese Wertschätzung wiederum stärkt bereits das Selbstwertgefühl derFamilie.

Im Erstgespräch werden zwei Verhaltensziele der Kinder von Klassenleitung und Eltern entwickelt. Sie beziehen sich meist auf den Arbeitsbereich, wie "ich melde mich und warte ab" und den Sozialbereich, wie "ich spreche freundlich mit allen".

Diese Ziele bilden die Klammer zwischen Familienklasse und Herkunftsklasse. Die Schüler*innen erproben sich in der geschützten Atmosphäre der Familienklasse und während der restlichen Schulwoche versuchen sie den Transfer in den schulischen Alltag.

Nach ca. sechsmaliger Teilnahme findet ein Zwischenbilanzgespräch mit Eltern und Klassenleitung statt. Sind bereits Veränderungen im Unterrichtsalltag zu erkennen, werden die Ziele angepasst. Am Ende der Maßnahme wird gemeinsam überlegt, ob und wenn ja, welche weiteren Unterstützungsangebote für das Kind bzw für die Familie sinnvoll sind.

 

Ein Tag in der Familienklasse

Nach Begrüßungs- und Namensspielen im Kreis folgt die Wochenbilanz, in der die Kinder mit großem Applaus belohnt werden, wenn sie zu 80zig Prozent ihre Ziele erreicht haben. Liegen sie darunter, wird gemeinsam Ursachenforschung betrieben und alle anderen stellen ihre Ideen zur Verfügung.

Nach einem Bewegungsspiel wird an einem Thema gearbeitet, dass sich im Gruppenprozess zeigte und vom Familienklassenteam ausgewählt wurde. Zum Beispiel erzählen alle Eltern zum Thema „Kind Sein“ ihre schönste Kindheitserinnerung. Dabei wird im Patenmodell gearbeitet, d.h. die Kinder wechseln zu einem Elternteil eines anderen Kindes. Das ermöglicht Eltern wie Kindern sich anders, ohne "Beziehungsbeeinträchtigung", zu erleben. Viele Eltern sind überrascht, wie adäquat ihre eigenen Kinder sich als Zuhörende zeigen und wie gut sie die darauffolgende Aufgabe, das Gehörte in der Gruppe zu referieren, bewältigen. Innerfamiliäres Geschichten Erzählen wird dadurch angeregt und den Eltern erleichtert diese Übung, in der sie selbst wieder in ihre Kindheit eintauchen, sich in ihre Kinder zu versetzen. Perspektivwechsel in allen Varianten ist eine systemische Methode, die die Mehrfamilienarbeit durchzieht.

In der folgenden ersten Unterrichtseinheit in Deutsch oder Mathematik arbeiten die Schüler*innen an ihrem Material aus den Herkunftsklassen. Die Eltern sitzen im hinteren Bereich des Raumes, beobachten ihre Kinder, tauschen sich untereinander leise aus und wenn das Kind Unterstützung braucht, kann es die Lehrkraft oder die Eltern zu sich bitten. Führt die elterliche Unterstützung zu Irritationen, so wird diese Eltern - Kind Interaktion, die sich so oder ähnlich häufig in Hausaufgabensituationen abbildet, gecoacht. Häufig ist es hilfreich andere Eltern als Unterstützer miteinzubeziehen.

Nach der Pause, die Eltern und Kinder gemeinsam verbringen, wird gefrühstückt. Hierbei ist Gelegenheit für wichtige informelle Gespräche und gemeinsam essen fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die folgende Unterrichtseinheit wird mit einem Bewegungsspiel beendet. In den gruppenpädagogischen Angeboten zum jeweiligen Thema wird in der letzten Phase entweder innerfamiliär, oder wie bei dem Thema „Kind Sein“ in Kleingruppen an Stationen gearbeitet, oder es gibt eine Kinder- und eine Elterngruppe. Wichtig ist die abschließende Reflexion im Kreis, in derErfahrungen ausgetauscht und die jeweiligen Ergebnisse gewürdigt werden.

Der Abschlusskreis mit Zielebewertung und Lobesrunde, in der die Kinder und die Eltern sich gegenseitig erzählen, was sie heute am jeweilig anderen am besten fanden, wird beendet mit dem "bedingungslosen Loben", als Stärkung für die bevorstehende Woche.

 

Und was bringt das?

Alle Eltern würden bislang die Maßnahme anderen Eltern empfehlen, da es den Kindern guttut. Eine der häufigsten Aussagen, woran sie die positive Veränderung merken, ist, dass die Schule nicht mehr anrufe wegen des Störverhaltens ihrer Kinder.

Allgemein lässt sich sagen, dass bei allen Familien Veränderungen zu sehen sind. Diese reichen von:

  • die Familie lässt sich aufgrund der positiven Erfahrung in der Familienklasse auf weitergehende außerschulische Unterstützungsangebote ein.

bis:

  • der/die Schüler/in ist nicht mehr auffällig.

 

Bei vielen Eltern verändert sich der Blick auf Schule. Es gibt deutlich mehr Verständnis für die schulische Sicht, da das Kind im schulischen Kontext erlebt wird. Umgekehrt ändert sich auch bei einem großen Teil der Lehrkräfte der Blick auf Eltern und Schüler*innen. Man lernt sich besser kennen und versteht einander besser.

Dies gilt auch für die verschiedenen Kulturen, die in der Familienklasse aufeinander-
treffen. Dieser gesellschaftlich wichtige Nebeneffekt spiegelt sich in der Aussage einer Mutter aus Bulgarien, die sinngemäß sagte, das Wichtigste sei, dass wir alle Menschen sind, von überall her und dass es für uns am Wichtigsten sei, dass es unseren Kindern gut gehe

 

Wie gut die Maßnahme angenommen wird belegen abschließend noch einige Zahlen.

Seit Februar 2015 wurden im ReBUZ Süd sukzessive drei Familienklassen aufgebaut. Ca. 150 Familien haben seitdem daran teilgenommen. 

 

Fazit

Multifamilienarbeit ermöglicht Familien ihre eigenen Lösungen zu finden und ihre Ressourcen zu aktivieren. Um diesen Prozess zu initiieren braucht es die schulische Akzeptanz dieses systemischen Grundgedankens und es braucht die spezifische Qualifikation in Multifamilientherapie. In Zeiten, in denen Förderbedarfe steigen und personelle Ressourcen verknappt werden, braucht Schule neben einer umfassend besseren Ausstattung neue Modelle, wie Familienklassen, die die Ressourcen von Gruppe aufdecken und nutzen.

 

 

Literatur:

Asen, Eia;Scholz, Michael (Hrsg.), 2017: Handbuch der Multifamilientherapie, Carl-Auer Verlag, Heidelberg

Behme-Matthiessen, Ulrike; Pletsch, Thomas et al. (Hrsg.), 2012: Handbuch Familienklasse,Shaker Verlag, Aachen